13.04.2017Aspekte zum Status und zur Geschichte des TVT

Adler und Spiegelbild - Signalbild der Ausstellung

Der TheaterVerbandTirol  ist mit 350 Mitgliedern (davon 60 Einzelmitglieder) vor allem eine Vereinigung von Theatervereinen, von Amateurbühnen, Volksbühnen,  Schulspiel - und Figurentheatergruppen und Ensembles aus der freien Szene, ein Verein mit ehrenamtlichen Funktionären  (Bezirksvertreter und  Vertreter  von  Sparten des darstellenden Spiels), unter der an die 10.000  Theaterleut´ im Bundeslands Tirol ein Dach haben. 
Der Verband  hat gerade einmal  seine 13. Vollversammlung hinter sich und dabei, nach gründlicher Durchforstung durch Obmann Klaus Mayramhof,  neue Stauten beschlossen.  Damit  zieht er einen Schlussstrich  unter einen Prozess der  Integration dreier Verbände, aus deren Zusammenschluss der Dachverband  entstanden ist. 
Getrennt voneinander gab es davor den  „Landesverband Tiroler Volksbühnen“ , den „Theater Service Tirol“ und den „FigurentheaterTreff“.   Der „Theater Service“  vertrat die Interessen  des Schul- und Jugendspiels und des mehr oder minder städtischen Amateurtheaters.  Der „Landesverband Tiroler Volksbühnen“, gegründet  1959  dagegen verstand sich  als Vereinigung  hauptsächlich ländlicher Theatervereine,  wobei das Gründungsjahr (Andreas-Hofer-Jahr)  als  Bekenntnis  zur Tradition zu verstehen war, zum Theater im Geiste eines Brauchtums- und Traditionsverbandes. 
Indes hat  das „Volkstheater“  in Tirol eine lange Geschichte und ist ein kulturelles Markenzeichen des  „Land im Gepirg“.  Es ist das Kerngebiet der „süddeutschen  Volksschauspiellandschaft“  mit Blütenzeiten  in allen Jahrhunderten seit dem späten Mittelalter. 
Das Erstaunlichste an der Tiroler Spiellandschaft  sind die Kontinuität der Spielstoffe und die Intensität der Spielpraxis, bei der Zuschauer und Spieler  bei Verleugnung der Rampe und sozialen Schwellen  eine Gemeinschaft darstellen. 
Die Permanenz  der dahinter stehenden Leidenschaft,  verführt dazu, dieses „Volksspiel“  als etwas zu  sehen,  was  dem Tiroler Volk nicht nur sozusagen im Blut liegt, sondern was sein besonderes Wesen ausmacht.  Mit diesem Hinweis  wird Volkstheater  nicht nur in die Ecke des  darstellenden Spieles als Grundeigenschaft  des bewahrenden Charakters  der Tiroler gestellt, sondern  Volkstheater auch als etwas von Natur aus Bewahrendes definiert. 
Gegen diese Behauptung   ins Treffen zu führen  sind allerdings  die jeweils speziellen sozialen und politischen Verhältnisse als Anlass und Grund dafür,  wie sich ein Volk „ins Spiel bringt“, dem u.a.  mehr an Freiheit versprochen wird als ihm zugestanden wird, oder das sich im Spiel das Recht nimmt, gegen die Entfremdung  durch den Massentourismus „anzuspielen“.  Die Behauptung vom  „Volkscharakter“  des „homo ludens Tyroliensis“  erspart  sich, Spielmotivationen  zu hinterfragen, die es vor allem periodisch und analog zu außerordentlichen  gesellschaftlichen Situationen gegeben hat.
Die erste Hochblüte des Tiroler Volkstheaters  etwa fiel mit dem Zusammenbruch der mittelalterlichen Weltordnung zusammen. Und da war Tirol der Mittelpunkt des Reiches. Oder:  Als im 18. Jahrhundert  der Versuch unternommen wurde,  das „Spiel des Volkes  für das Volk“ zu untersagen,  weil dieses Theater  verbilde und  sich dabei unmündiges Volk  zusammenrotte,  haben die um Aufklärung bemühten  weltlichen Behörden  in Tirol über 150 Bühnen  registriert und sie – vergeblich – zu verbieten versucht.  Das Theaterspielen war ein Kampfmittel in im kulturellen Führungsanspruch  zwischen geistlicher und verweltlichter Obrigkeit im gesellschaftlichen Prozess der Verweltlichung.   
Zur Zeit des Massentourismus boomte  Volkstheater  im Wunsch nach Rückeroberung bedrohter Identität, zur Entspannung  unter dem Druck notwendiger Service (Servilitäts)leistungen.  
Und heute werden wir´s vielleicht morgen wissen, wie der neue Boom zu verstehen ist.
Die PR-Arbeit des Verbandes liefert  die Unterlagen: Unter „Termine“  (www.theaterverbandtirol.at) werden alle gemeldeten, täglich bis zu 30  Aufführungen,  erfasst.  Bei der letzten Analyse von 1800 Spielterminen aus dem Jahr 2016 war eine weitere Verlagerung  der  Spieltätigkeit  von den Tourismusmonaten weg  zu verzeichnen.  Während sich  das  Angebot  (vom „ländlichen Lustspiel“ bis zum „ernst Volksstück“ ) zur Zeit des  Massentourismus vor allen an das hielt, was an Stoffen auch  Gästen angeboten werden kann,  hat sich die Theaterlandschaft in den letzten Jahrzehnten  mit differenzierten Inhalten von solchen Zwecken zunehmend  „freigespielt“ und entfernt sich damit auch vom Bild  des „volkskulturellen“ Theaters mit seiner Bindung ans „Brauchtum“.
Die Entwicklung von eigenständigen Profilen und differenzierten Inhalten  ist  mit einem zunehmenden  Nahtourismus verbinden.  In den Dörfern  sind Gruppenbesuche  von Bühnen aus der näheren und weiteren Umgebung   bei so gut wie jeder Vorstellung die Regel geworden. Tourismus ist ein Thema aber keine Zweckbindung mehr. Ein gutes Beispiel von heute aus See/Paznaun: „Wir haben bei der Piefke- Saga noch nie so viele  Zuschauer – 4000 – gehabt  und noch nie so viele Bühnen aus dem ganzen Land zu Besuch.“
 Am eindrucksvollsten  ist dieser  Trend zum  „Volkstheater-Kulturtourismus“  bei  Freilichtaufführungen,  die in neuer Form  als Talschaftsspiele  in dem 90er Jahren entstanden sind und das Bild der außerberuflichen Theaterlandschaft  Tirols  wesentlich mitbestimmen. Das Besondere an ihr ist der hohe Anteil  an Uraufführungen.  


PS
Der TheaterVerbandTirol  als Serviceverband heute bekennt sich zur Förderung  alle Richtungen des Theaters und des  darstellenden Spiels in Tirol und sieht seine Aufgaben im Schulungswesen, im „Gemeinschafts- Bildungswesen“  nach Innen und in der Interessensvertretung  nach Außen im Sinn von Öffentlichkeitsarbeit und im Umgang mit Partnern  (das Land als Subventionsgeber, Verlage, AKM etc.)  Die drei Angestellten des Verbandes  sind  für  drei  Schwerpunkte der Aufgabenbereiche zuständig, für die Verwaltung,  die Organisation (Schulungswesen etc)  und Dramaturgie (Spielberatung etc.) 

 

Ekkehard Schönwiese