03.10.2017Aspekte zum Theater gegen das Vergessen

Zillertaler Zillertaler Zillertaler Jetzt wird geredet Moideles Fahrt zu Hiter Wir Wütenden Schwaz-Lendbräu

Glücklich ist, wer vergisst .. ?
Zum Thema Erinnerungsverlust respektive zum Krankheitsbild Demenz, gab es in  der letzten Zeit einige eindrucksvolle Theaterproduktionen, die vor allem deshalb unter die Haut gingen, weil es dabei nicht nur Geschichten rund um eine beunruhigende unheilbare Krankheit geht,  von der immer mehr betroffen sind, sondern um einen Zustand unserer Zeit, der vom Erinnern ablenkt.
Die Stücke waren allesamt keine Operetten, und auch keine, denen man nachsagen könnte, Opium fürs Volk zu sein. Sie setzten sich ernsthaft mit Erinnerung, Erinnerungsverlust und  verdrängter Erinnerung auseinander und sind damit eine Spielart   der Gattung „Erinnerungstheater“

Erinnerungsspiele biografischer Art
zur Aufarbeitung verdängter/dunkler Kapitel der Zeitgeschichte
Irmgard Bibermann hat sich bei ihrem Projekt „Alte Heimat Schnitt Neue Heimat“ auf den Begriff Erinnerungstheater nach Pam Schweitzer berufen: „Indem wir Erinnerungen wertschätzen, können wir in der  Gegenwart auf den Spuren der Vergangenheit auf eine aufgeklärte Zukunft hinarbeiten.“  In der Aufführung nachempfunden wurde nach biografischem Material (hauptsächlich Interviews), Erinnerungen an die Flucht aus Tirol, an Vertreibung  und das Leben danach.  Noch deutlicher wird das Anliegen des Erinnerungstheaters als Bewusstmachen und Vermitteln von verdrängten bzw. vergessenen Kapiteln der Zeitgeschichte im Nachfolgeprojekt „Jetzt wird geredet“ über das Schicksal von missbrauchten Heimkindern.
Eine Lehrerin, die im Zweiten Weltkrieg in Hopfgarten/Brixental Kinder vor der Deportation gerettet hatte, konnte  kürzlich noch als Zuschauerin ihre Geschichte auf der Bühne des Dorfes erinnert sehen.

Erinnerungstheater mit sogenannten Alltagsgeschichten
„Sogenannt“ meint, dass von alten Menschen zum Weitergeben ihrer Lebenserfahrungen zwar Alltägliches erinnern aber  in der Regel, wenn die Erzählenden alt genug sind, in  diesen Geschichten  viel mehr Geschichte steckt, als sich zunächst vermuten lässt, weil hier Geschichte eben ein Gesicht hat und nicht nur Fakten sondern auch Emotionen vermittelt werden. 
Es geht hier nicht um das Aufarbeiten von Geschichte, aber immerhin doch um Vermächtnisse mit allgemeiner Bedeutung.  Das Erinnern an damals, zur Zeit der Großeltern, an die „gute alte Zeit“, die durchwegs weniger gut war, als es gewöhnlich die Erinnerung wahr haben will. Da fühlte die Dorfgemeinschaft Ried, wie im Spiel ein großer Sohn der Gemeinde, Dietmar Schönherr „unter uns“ war. Es ging in Dölsach um das Vermächtnis des „Moidele“, in Telfes um  „Julia M.“, im Paznauntal um Franz Lorenz aus Galtür etc. und beim Schwerpunkt „Querköpfe“ geht es nicht minder um das Vergegenwärtigen von Großelternwelten im Spiel. Unter das Kapitel fällt also das und mehr, was zuletzt unter „Biographie-Theater“ bei den  Schwerpunkten des TNT, dem Theaternetz Tirol zu sehen war.

Erinnerungstheater Wien
Das „Erinnerungstheater Wien“ bringt auf den Punkt, dass es hier nicht  (nur) darum geht, Familiengeschichte aufzuarbeiten. Die Gründerin  Michaela Schwind erklärt: „In der Lebensgeschichte bringen wir das zusammen, was die Entwicklung der sozialen Handlungsfelder und Sinnenwelten in der Geschichte der modernen Gesellschaft zerlegt hat.
Biographie ist ein Kitt, die auseinandertriftenden Teilwelten der modernen Gesellschaft im Individuum zu verbinden. (nach: Fuchs, 1984).
Theaterarbeit unter diesem Stern  ist dem verwandt, wie sich hier zu Landen „Generationentheater“  versteht, das Seniorentheater und Jugendtheater verbindet.

Spiele gegen das Verblassen von Erinnerung mit Dementen
Was ist, wenn Erinnerung verblasst?  Lässt sich der Prozess aufhalten? Wie kann darstellendes Spiel dabei helfen?  Kann es das?
Bei Kranken mit Erinnerungsverlust verlieren Worte ihre Funktionen der Verständigung. Die körperliche Berührung und die emotionale Einfühlung verbleiben als Möglichkeit des Kommunizierens. Genau darauf stützt sich daher „soziales Theater“ mit Demenzkranken und jenen, die sie betreuen.
Sie üben miteinander Begegnung und Berührung jenseits verbaler Verständigung, spielen die Spiele erst für sich und bringen den Prozess ihrer Erinnerungsspiele schließlich als Produkt zur Aufführungsreife, in Wien (Gruppe SOG) unter dem Titel „Fliegenfischen“, unter „Vergissmeinnicht“ durch die Gruppe „Ostschwung“ in Berlin oder „Anderland“ in Köln, wo nach japanischen Vorbildern eine eigene Form des Theaterspielens als Demenz-Therapie praktiziert wird. 

Gut abgelenkt ist halb verdrängt  und gut verdrängt ist halb vergessen.
Wenn halb gelebt wird, mag das angehen. Dagegen zu halten ist: „Man lebt nicht einmal einmal“ (Karl Kraus)
„Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu verändern ist“. (Johann Strauss Sohn „Fledermaus“) Wer nicht mehr weiß, dass er alles vergisst, lebt glücklich und endlich in einem  Zustand,  in dem sich nichts mehr verändern lässt. Solange wir uns aber erinnern und aus der daraus resultierenden Erfahrung handeln können, ist Veränderung möglich. Unglücklich ist, wer vergisst, dass trotz allen Behinderungen Veränderung und damit auch Entwicklungen möglich sind.
Wer Erinnerungen verdrängt, weil sie schmerzlich sind, verliert irgendwann die Kontrolle über sich, weil er unfähig ist zu trauern. Wem das Erinnerungsvermögen abhandenkommt (Alzheimer, Demenz), lebt der Betroffene nur mehr im Augenblick. Wir wünschen uns alle, nicht an Vergangenem zu hängen, nicht von Zukunft zu träumen, sondern den Augenblick zu leben. Es ist der Himmel auf Erden, wenn wir uns als gegenwärtig erleben, präsent und authentisch sind, indem wir Reflexion und Erfahrung verinnerlicht haben. Aber wenn wir von diesem Verinnerlichten abgeschnitten sind, ist das nicht mehr der Himmel, sondern die Hölle auf Erden, vor allem für diejenigen, die so einen von sich selbst Alleingelassenen  begleiten. 

Bühnenspiel:  Thema Demenz
„Wege mit dir“ von Daniel Call war in Prutz die beachtete Eigenproduktion der Winklbühne im Rahmen der letzten TheaterNetzTirol Spieltage und „Wir Wütenden“ von Nora Mannsmann in Schwaz, im Theater im Lendbräukeller verwies auch darauf, dass das Thema nicht auf das Krankheitsbild Demenz reduzierbar ist.  Beim Festival „Schauplatz.Theater“ im September 2017 in Kufstein war die Theatergruppe Geiersdorf (Kärtnen) mit „Honig im Kopf“ ein Beitrag, der  lebhafter Diskussion auslöste, betroffen machte, andererseits von jenen, die mit Validation - bedeutet alte, desorientierte Menschen zu respektieren und ihre Weisheit anzuerkennen - im Alltag zu tun haben nicht als Stück über Alzheimer verstanden wurde. 
Theater über Demenz und Alzheimer ist, wie auch immer einfühlsam geschildert, der Versuch Mitleid mit Betroffenen zu erregen, die vom Verlust an Kommunikationsmöglichkeiten durch Wegfall von Erinnerung einem unausweichlichen Schicksal ausgeliefert sind. Diese Botschaft kam in jedem Fall an.
Theater aber über etwas kommt dem, was es behandelt, allerdings nie wirklich nahe. Es ist da immer die Rampe dazwischen. Spieler und Zuschauer sind in der Regel keine Betroffenen. Sie machen über das berührende Spiel aufmerksam, erregen Mitleid mit denen, die im Alltag Dramatisches erleben. 

Erinnerungstheater: Annäherung an das Fremde
Im Spiel ist eine Annäherung an fremde Welten möglich, wenn wir bereit sind, in den Schuhen des Fremden zu gehen, den Schritt, das Tempo und die Widerstände der Richtungslosigkeit spüren, denen der Fremde ausgesetzt ist . 
Wir finden keinen Weg zum Entfremdeten, wenn wir nicht bereit sind „in den Schuhen des anderen zu gehen“, mahnt  Naomi Feil, die in ihrer Arbeit  mit Dementen eine Botschaft nicht nur für die Betreuung von Dementen eingeleitet hat. „Der Alzheimer-Patient kann nicht in meine Welt kommen, ich darf ihm die meine nicht aufdrängen, sondern muss in seine Welt gehen.“
Die Forderung Naomi Feils legt den Finger auf eine große Wunde unserer Zeit, auf die Hilflosigkeit im  Umgang mit Fremdem, Entfremdetem und der Selbstentfremdung. Die Wiederentdeckung des spielerischen Umganges miteinander in fremden Schuhen ist die Medizin, durch die  Erinnerung und Erfahrung teilbar bleiben. 

In „Wir Wütenden“ ist die Demenz ein Gleichnis
Wir alle haben, so wie der Kranke in „Wir Wütenden“ unsere Wortfindungsstörungen. Wir sind verstört durch den Verlust der Bedeutung von Begriffen und Worten. Wir bilden uns ein, über soziale Medien vernetzt zu sein, aber das Netz fängt uns nicht auf, sondern wir sind im Netz verfangene Datenträger. Wir sind  Fische im trockenen Kommunikationsnetz. Wir sehen hilflos zu, dass Worte weder wahr noch falsch sind, weil die dazu gehörenden Erinnerungen und Gefühle verloren gegangen sind. Wir leben im Zustand einer babylonischen Verwirrung von Fake News.
In „Wir Wütenden“ entgleitet einem Sohn die Auseinandersetzung mit seinem Vater, weil der sich an nichts mehr erinnern kann. Da entschwindet einer Ehefrau der Mann im Leerraum einer einst scheinbar erfüllten Vergangenheit, wobei sie entdeckt, dass sie nie erfüllt war? Und er selbst, der Vater? Er ringt um Worte des Begreifens seiner ins Nichts entgleitenden Welt. „Die Wirklichkeit franst aus.
Aber das Hirn arbeitet weiter und denkt und denkt und denkt und kommt nicht an - kommt nirgendwo mehr an.“ Was ist wirklich, wenn nur mehr der Augenblick zählt?
Wie lässt sich in den Fußstapfen von jemandem gehen, der seine Geschichte verloren hat und dessen Gesicht leer zu sein scheint? Blitzt da nicht doch irgendwann etwas auf, das nicht verloren geht? Ist das vergebliche Hoffnung?“ Wir, die wir da zuschauen sind in die Pflicht genommen, Menschenwürde zu retten.

Talschaftsspiele: Revisionen der kollektiven Erinnerung
Biografien von Einzelpersönlichkeiten, gespielt zur Erinnerung gegen das Vergessen sind fixe Bestandteile von Volksbühnenspielen,  wie aber ein ganzes Tal  seiner Identität nachspürt, um das Leben der Region aus der Geschichte zu begreifen, ist etwas Besonderes.
Das Zillertal hat vor genau dreißig Jahren mit „Verlorene Heimat“ ein Signal für neues Volksschauspiel in diesem Sinn gesetzt.  In Aschau nun erinnerte im Sommer das Theaterstück „Der Zillertaler“, daran, wie unser Leben von Leitfiguren aus der Vergangenheit (mit)bestimmt wird. Die Aufführung wirkte wie eine  Familienaufstellung, bei der Verhaltensweisen  durchschaubar werden  die durch „falsche Besetzungen“ zustande kommen, bei denen Kinder die Rollen von Eltern, Frauen die Rollen von Männern, Gäste die Rollen von Gastgebern übernehmen. 
Im Hintergrund auf der Bühne agieren die mit, die die Fäden der Marionetten im  Vordergrund in der Hand zu haben scheinen,  der Wanderhändler, Peter Prosch, die Nationalsängerin und Franz Egger Die Ursachen solchen Lebens „außer sich“ liegen im Mangel an Bewusstsein unserer Verbindung mit der Vergangenheit, ein Mangel, der sich im darstellenden Spiel, wenn schon nicht beheben lässt, so doch wenigstens für einen Befreiungsakt ins Bewusstsein gehoben werden kann. 

last not least: Archive öffnet Euch
Erinnerung ist der Erfahrungsschatz, der die persönliche mit der allgemeinen Geschichte verbindet. Sie gibt uns Werkzeuge für ein entscheidungsbewusstes und selbstbestimmtes Leben an die Hand.
Erinnerungen verändern und verwandeln sich mit der Zeit, sie werden verdrängt, verblassen oder bekommen neue Bedeutung. Schriftliche Zeugnisse helfen, dass erinnerte Geschichte, auch wenn sie in Geschichten mit persönlichen Färbungen erzählt werden, sich auf Fakten berufen kann.     
Im September hat daher die Tiroler Landesregierung auf Initiative von LRin Dr. Beate Palfrader das Tiroler Archivgesetz beschlossen. „Unser heutiges Wissen über die Vergangenheit verdanken wir den in den Archiven verwahrten schriftlichen Zeugnissen.
Mit der Pflicht zur Archivierung soll der Verlust von historischen Quellen verhindert werden.“                                     e.s.