31.03.2017Passionen im Spiel

Passionen im Spiel

Kein Jahr ohne Passionsspiele! In Aguntum bekennt sich die Theaterwerkstatt Dölsach in der Regie von  Alfred Mesnchnigg zu einem groß angelegten  Spiel mit traditionellen Schaubildern, in Sellrain geht die Heimat Lose Bühne   im Gegensatz dazu ohne Aufwand zurück in die Kirche und hat den Mut, auf Pathos zu verzichten.
Und dann gibt es da auch noch die Passion im Schlussteil der „Bibel on tour“, mit drei Personen in Unterwäsche, zu sehen zwischen Vorarlberg und Wien.
Die „Bibel“ des Feinripp-Ensembles schaut zwar so aus wie eine Satire, darf aber als Passionsspiel ernster genommen werden, als ihre komische Verkleidung vorgibt.  Der ganze Bogen der Passion, des geistlichen Spielens, ist damit noch nicht angesprochen.
Auch die Lustspiele über Himmel und Hölle gehören dazu. In ihnen ist der Mensch das Objekt, um das sich Himmel und Hölle einen Kampf im Streit um Erlösungswürdigkeit oder nicht  liefern. Diese Lustspiele („Bin i im Himmi“, Brandner Kasper“ etc.) sind sozusagen der komödiantische Restposten christlicher Welttheaterspiele und als solche nicht minder in ihren Bedürfnissen und Wünschen nach Einbettung im Glauben ernsthaft zu hinterfragen. Die Kernfrage dabei: Wird der Mensch als ein Wesen gesehen, das für sein Handeln zur Verantwortung gezogen werden kann? Ist er erlösungswürdig? Ist er auf ein Jenseits vertröstbar?
Wie lebt es sich in dem Reich, das nicht von dieser Welt ist? Naturgemäß als Opfer? Ist dieses Reich eine messianische Utopie? Lassen sich Utopien realisieren?  Glauben wir (nur) daran. Hoffen wir nur?  Wie stehen wir gerade zu dem, woran wir glauben? Konservative Passionsspiele ziehen sich in das Kokon der Verkündigung  einer Welt der Liebe zurück. Aber geben sie uns die Waffen zu deren Durchsetzung in die Hand? Wie steht es um die Rolle des Judas als einem, der hier und jetzt radikale politische Veränderungen fordert, der zum Widerstand gegen rücksichtslose Weltbeherrscher aufruft?
Es ist modern, der Figur des Judas seine Konturen zu nehmen. Man möge ihn nicht als den von Geldteufel  besessenen Erzverräter sehen, der zum Zweck der Begründung des Antisemitismus herhalten könne. Der „Verrat“ sei ja etwas, was Jesus beauftragt habe. Judas als einer, der sich mit der Vorsehung herumquält?  Fehlt bei dieser Passionsentschäfung nicht der Stachel im Fleisch  der messianischen Botschaft?
In einem Diskurs über geistliche Spiele darf letztlich auch die Rolle von Geistlichen in Lustspielen nicht fehlen. Es ist noch nicht lange her, da übten sich Volkslustspielautoren darin Geistlichen Geistlichkeit abzusprechen. Das mag insofern  einen Sinn ergeben haben, als damit Kritik an unreflektierter Ehrfurcht vor Respektspersonen gepredigt wurde. Heute ist die Darstellung von Geistlichen als Lachfigur wieder seltener geworden. Für eine Wiederannehmen geistlicher Autorität helfen Figuren wie Pater Brown, der zuletzt in Fiss oder in der Allerheiligenkirche in Innsbruck zu sehen war. Aber auch der Rückgriff auf alte Volksstücke  (wie etwa mit „Föhn“, in Neustift/Stubaital und Osttirol)  unterstützen den Trend zur Rehabilitierung  von Figuren als geistliche Autoritäten ebenso Figuren, die ihrem Gewissen folgen (z.B.  „Jägerstätter“ in Grinzens).

Die Passion in Aguntum
ist ein großes Spiel auf großer Bühne mit achtzig Darstellern auf einer 25 Meter breiten schrägen Spielfläche.
Regisseur Alfred Menschnig konnte auch, was die Textfassung betrifft, auf seine Erfahrungen mit der Passion in Lana (2006/2010) zurückgreifen.
Der Obmann der Theaterwerkstatt Dölsach - und Darsteller des Jesus - stellt klar, dass sich „das Spiel der Spiele“ in Aguntum traditionell versteht: „Wir zeigen klassische Passionsbilder. Das Wirken des Johannes des Täufers am Ufer des Jordan, die Versuchungen in der Wüste, die Feldpredigt (Bergpredigt), den Leidensweg, aber auch die Auferstehung. Das Stück ist eine zeitlose Botschaft davon, wie das Licht in die Welt kommt.“
Alfred Meschnig hält sich an das Lukasevangelium und  verbindet die Bilder durch Überleitungen aus dem Mund einer Erzählfigur, dem Evangelisten, der von Robert Possenig gespielt wird, und er sieht in dem Unternehmen „einen Beitrag zur Besinnung auf die Grundwerte der Religionen.  Die Bergpredigt, das Kernthema innerhalb der Passionsgeschichte, enthält die Grundgesetze menschlichen Handelns und stellt ein überzeugendes Muster menschlichen Zusammenlebens dar:
Eine Welt ohne Armut und Hunger, ohne Feindschaft, Hass und Gewalt! Auf Rache, Vergeltung, Gewalt soll verzichtet werden. Ein starker kritischer Jesus soll verständlich machen warum ihm so viele Menschen gefolgt sind und warum ihn so viele gehasst haben.“

Das Mahl aus Sellrain
Vor einem Jahr begann Spielleiter Andi Haider in Sellrain Darsteller für ein Passionsspiel zu suchen, das ihm ein Ensemblemitglied der Heimat Losen Bühne, der  Heimatdichter Lorenz Rufinatscher  vorgeschlagen hatte. Mit dem Erlös des Spieles in der Kirche von Sellrain ist die Renovierung von St. Quirin angedacht hatte. Die Zweifel daran, dass  für so ein Vorhaben in der kleinen Gemeinde nicht Spieler genug aufzutreiben sein werden, schlug Lorenz gleich einmal in den Wind, verwies darauf, dass ja nicht alle Stationen des Leidensweges dargestellt werden müssten. Die Geschichte kenne man ja ausreichend. Die hätten wir doch alle im Kopf. Die Darstellung brauche ja keine „Bebilderung“ sondern Sinnbilder für Sinnfälliges. 
Es käme vielmehr darauf an, mit ungewöhnlichen Aspekten zum Neudenken, über das Bekennte hinaus, anzuregen. Es  bräuchten ja auch nicht alle Apostel bei Abendmahl  am Tisch sitzen. Dass es 12 waren, kann als bekannt vorausgesetzt werden. Es lasse sich überhaupt auf Vieles verzichten, selbst auf den Kelch beim Abendmahl, ja sogar auf die Kreuzigung. Der Gekreuzigte ist in der Kirche allemal und permanent als Kruzifix präsent. Einen Scheinwerfer auf das Kruzifix gerichtet reicht dafür, dass die Bilder des Kreuzweges uns in Erinnerung gerufen werden.  Und wenn sich auch am Ende zwölf Apostel in Sellrain haben finden lassen, wurde der Verzicht auf das Ausschmücken von Bildern und das Bevorzugen von ungewöhnlichen Wendungen zum Prinzip erklärt.
Wer sich erwartet hat, dass der Bösewicht Judas den von Jesus beauftragten Verrat gegen das Einstreifen von 30 Silberlingen begeht, war mit einer neuen Interpretation konfrontiert. Nicht er geht zu den Hohepriestern, sondern diese suchen ihn  auf und machen Judas glaubhaft, Jesus zu suchen, weil sie mit ihm diskutieren wollten, nicht mehr und nicht weniger. Das eigentlich Besondere am „Mahl“ aber ist der natürliche Ton, die Selbstverständlichkeit, der Alltagscharakter des Darstellung.
Es bemühen sich zwar überall Passionsspiele um ein natürliches Spiel. Aber was heißt da: natürlich? Sie kommen so gut wie nirgendwo um den getragenen Ton in der Vermittlung von Botschaften der Verkündigung herum. Das liegt einerseits am Stil der wörtlich zitierten Bibel und insgesamt am Widerspruch „diese Welt“ spielen zu wollen, aber die zu meinen, die nicht von dieser Welt ist.
Auf einer Ebene lässt sich das nicht darstellen. Es lässt sich allenfalls der Konflikt zwischen den beiden Welten aufzeigen, zwischen der Botschaft des Messianischen und der Welt, die es auf dieser Welt mit dem Messianischen ernst nimmt. Erst mit dieser Differenzierung nimmt die Passion ernsthaft Stellung zu brennenden Themen von Heute. Im Kirchenraumspiel gibt es keine „Dekoration“, da entführt das Spiel nicht in eine andere realistische Welt, in  die Zeit der alten Römer. Da wird auch nicht im eigentlichen Sinn des Wortes gespielt.  Es wird von der Passion erzählt, von ihr berichtet, sie wird nur andeutend, hindeutend darstellt, und damit bedeutend.

Die Bibel on tour
Der große Bogen der Passionsspiele in Tirol ist weit gespannt, als Frohbotschaft  zwischen Trauer und Lachen,  vom „Leiden Christi Spiel“ als traditionell- historisierendes Volksschauspiel (Dölsach-Aguntum) bis hin zum barocksatyrischen und selbstironischen Welttheater im Kleinformat auf der anderen Seite.
So frech und respektlos sich das Unterfangen, die Bibel „leicht gekürzt“ an einem Abend über die Bühne zu fegen, und das noch dazu in höllisch schnellen Tempi von Umzügen, in einem Spiel in Unterwäsche gibt,  so sehr ist es trotz ironischer Brechungen und den Slapstick-Einlagen näher an der Idee von Passionsspielen als Welttheater und christlicher Weltdeutung als historisierende Leiden-Christispiele. Wenn am Ende vom Kreuzweg „Schluss mit Lustig“ angesagt ist,  hört sich der Spaß auf. Blitzlichtartig erstarren die Bilder, mit denen durch das Buch der Bücher gejagt worden ist, und es wird still. Und dort, wo Passionsspielen sonst die Fantasie zur Darstellung der Welt, die nicht von dieser Welt ist ausgeht und der Erlöser hell angestrahlt, menschlich diesseitig  aus der Kulisse gezaubert wird, steht  bei der „Bibel on tour“ am Ende ein Darsteller da, dem  vor lauter Staunen über die Welt, die unsere Vorstellungen übersteigt die Worte ausgehen.              e.s.