03.10.2017Schauplatz.Theater 2017 Rückblick

Jandl  und Artmann Kosmetik des Bösen Lysistrate Medea Weltuntergang Honig im Kopf Umzug Umzug1 Hildegard Reitberger

150 Amateurtheatermimen,  neun Theatergruppen aus fast allen Bundesländern Österreichs, trafen sich am ersten Wochenende des September zum Festival „schauplatz.theater 2017“ in Kufstein und weihten mit Musteraufführungen das „Kultur Quartier“ ein.
Erst zogen die Komödianten mit Gesang „Theater, Theater“ durch die Stadt, um nach dieser Prozession vom weiträumigen Foyer aus im großen Saal Platz zu nehmen.  Vor allem für die Stadttheater- und Bezirksobfrau des Theaterverbandes Hildegard Reitberger war es ein großer Tag, schließlich  geht mit der Eröffnung des  Kultur Quartier in Erfüllung, wovon die Kufsteiner seit hundert Jahren träumen, von einem eigenen Haus, dem Stadttheater Kufstein.
Festredner Hermann Freudenschuss, der  Vize des Tiroler Theaterverbandes, rief zu „Aufmerksamkeit, Mut und Achtsamkeit“ auf, um die dreitägige Spielbegegnung zu einem Fest der Begegnung über Landesgrenzen hinweg werden zu lassen, woraufhin Gerhard Koller, Präsident des OEBV-Theater diese Bedeutung von „schauplatz.theater“ nicht minder hervorhob.
Der Worte waren nach  weiteren statements bald genug gewechselt, denn ein jeder wollte doch gleich einmal Taten sehen. In einer Vorstellungsrunde wurde den Ensembles jeweils zehn Minuten gegeben, um sozusagen mit einem Trailer ihre Beiträge  anzukündigen.
Die Spannung stieg und es konnte los gehen und zwar mit der Gruppe „Begegnung in Bewegung“ (NÖ)  zum Thema „Lysistrate“, ohne Worte und in Bewegungsbildern der Frauen-Gruppe,  die Gefühlszustände nachspielend, die der antike Stoff vorgibt. Frauen verweigern sich ihren Männern, die in den Krieg ziehen wollen.  Es geht der Gruppe dabei nicht um das Bebildern einer Handlung, sondern um das Auffächern der Gefühlsskalen im Spiel um Solidarität und Widerstand.
Es gab genügend Stoff, um über die Nachbesprechung des Gesehenen hinaus zum Thema Theater ohne Worte sich bis tief in die Nacht hinein untereinander auszutauschen.
Am nächsten Morgen fand man durch fleißige Helfer den großen Theatersaal  stubenspielartig verwandelt, und das bedeutet Spielen ohne Bühne, ohne Zuschauer im  Dunkeln unten und den Akteuren oben. „Erdsegen“ des Gaststubentheaters Gößnitz (Steiermark) heißt: Weg mit der Rampe, Kommunizieren auf Augenhöhe, Wechsel im Spiel zwischen Illusion und Brechen  der Illusion mit Ironie. Die Geschichte von Peter Rosegger über einen Redakteur aus der Stadt, der sich als Bauernknecht verdingt, um eine Wette zu gewinnen, bleibt auch in der dramatischen Umsetzung eine Erzählung, der szenische Bericht einer Geschichte.
„Neues Stubenspiel“ vom Feinsten, von dem der legendäre steirische Landesspielberater Ingo Wampera von 30 Jahren schon gepredigt, und wie es Ed. Hauswirt weiter entwickelt hat, und von wo aus auch der Impuls für diese Spielart nach Tirol gekommen ist. Bei der Nachbesprechung gab es außer Lob und Begeisterung nicht viel anzumerken.
Nummer drei im Programm war „Ich bin Medea“ vom Theater Abtenau aus Salzburg, das im kleinen Saal des Kultur Quartiers gegeben wurde. Autor und Regisseur Alex Linse hat den Welttheaterstoff auf zwei Figuren hin reduziert,  auf die Geschichte zwischen Jason und Medea und fokussiert sie auf den Prozess des Umschwunges einer starken Liebe in eine nicht minder gefühlsstarke Verzweiflung, eine große Herausforderung an die Darstellerin der Medea, deren Gefühle schon von Beginn an eskaliert sind. So sehr das als beeindruckend in der Nachbesprechung  gelobt wurde, gab es doch auch Fragen des  Bedenkens. Sie zielten darauf: Bühnenspiel soll bei den Zuschauern „Furcht und Mitleid“ erregen. Er will erschüttert werden, und das setzt nicht unbedingt voraus, dass der Spieler, die Spielerin große Gefühle in der Darstellung haben muss, um Betroffenheit beim Publikum zu erreichen.  
Nach der schweren Kost vom Vormittag ging es am Nachmittag  mit „Kosmetik des Bösen“ vom theater2go (Niederösterreich) weiter. Eine raffiniert erfundene Geschichte für zwei Männer, von einer Französin geschrieben, von Amélie Nothomb, im kleinen Theatersaal.
Ein Flug hat Verspätung. Beim Warten wird ein Geschäftsmann von einem Typen, der sich Textor nennt, zugetextet.  In der kontinuierlich nerviger werdenden Begegnung bietet sich Textor an, sich umbringen lassen zu wollen, immerhin habe er die Frau des Geschäftsmannes nicht nur vergewaltigt, sondern nach Jahren auch noch umgebracht.  Die  Darstellung war szenisch reduziert, perfekt, in keinem Punkt amateurhaft, Amateurtheater auf hohem Niveau.
Frau Müller muss weg: Das Theater Wolfurt aus Vorarlberg  kam mit einem großen Ensemble, einem großen Anhang  und Kulissen über den Arlberg und beharrten auf seinem Dialekt. „Habt Sie die Geschichte von der Lehrerin Frau Müller verstanden, die von den Eltern einer Klasse gemobbt werden soll“, fragten sie am Ende und die Antwort der Wiener Gäste war eindeutig: “Am Anfgang war´s schon nicht ganz leicht, aber man kommt schnell hinein, schließlich wird ja auch mit Händen und Füßen gespielt.“
Die Frage wurde wohl gestellt, ob denn Eltern von Schülern  wirklich so auf ihren Kindern sitzen. War das nicht überzeichnet? „Ja“, sagten die einen, „diese Typen, die kennt man“,  andere meinten „überspitzt war es schon.“
Ja, natürlich, das Spiel „Frau Müller muss weg“ ist keine Charakterkomödie, sondern eine Typenkomödie, und als solche ist sie zugespitzt auf Haltungen der Figuren zueinander, wie bei einer Karikatur.   Zeit über die Aufführung zu reden gab es an dem Abend nicht, denn da stand noch eine Nachtwanderung auf die Festung am Programm.  Am Samstag  ging es mit vier Aufführungen weiter.
Das gusentheater gallneukirchen / OÖ
war ein gutes Beispiel für Theater mit Texten, die ursprünglich nicht für´s Theater bestimmt sind. „art.jandl.mann“  stellt in einer Performance Gedichte und Texte von H.C. Artmann und Ernst Jandl vor, teils in realistische Szenen aufgelöst, teils mit Projektionen illustriert - realistisch bis symbolhaft - oder chorisch als Sprach-Rhythmusspiele. Insgesamt ein buntes Programm als Mittel Literatur zu vermiteln, wobei weniger an Bebilderung kein Fehler gewesen wäre.  
Theatergruppe Kugel / B - Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang von Jura Soyfer  von einem großen Ensemble gespielt, das  noch keine große Bühnenerfahrung besitzt. Da gäbe es Einiges anzumerken, allerdings lässt sich gut und gerne  darüber hinwegsehen, denn erstens sind „Fehler“ aus Unbedarftheit  denn wirklich Fehler? Und zweiten, ist die Geschichte vom drohenden Ende  der Menschenerde nicht derart  wahrhaftig und aktuell, dass darüber hinaus kein Kommentar nötig ist?
Theatergruppe Geiersdorf / K - Honig im Kopf  geschrieben nach einem Film, der sehr viel sein will, ein Roadmovie, ein Familiendrama, ein Stück über Großvater und Enkelin und ein Stück über Demenz.  Die Kritik am Film: Er benützt Sager eines Dementen  für Witze. Was demente Personen jenseits normale Logik sagen kann eben aus dem Grund auch auf der Bühne sehr witzig sein, wenn er die Absurdität einer Situation erklärt. Da hätte wohl manches gestrichen werden müssen, wo die Vorlage nicht gerade sensibel zum Fall Demenz umgeht.  Abgesehen davon war die Vorstellung von beachtlicher Qualität, vor allem was die Geschichte zwischen Enkelin (eine zehnjährige Darstellerin!) und Großvater betraf.
Amour fou / W - Der Anschein Die Dramaturgie des ganzen Festivals war perfekt bis hin zum letzten Stück als Höhepunkt. Eine Gruppe aus Wien, bestehend aus professionellen Amateuren war zu Gast, um das Erstlingsstück von Klaus Reitberger zu spielen. Der ist der Kulturreferent von Kufstein und Theatermacher, Spieler, Regisseur und Autor, der im Mittelpunkt der Entwicklung des Stadttheaters Kufstein steht. Zum Stück: Eine junge Frau ist gestört. Lebt sie mehrere Leben? Die Geschichte wird dem Zuschauer als absurd vermittelt und letztlich mit einer Szene im Irrenhaus zum Schluss gebracht. Bei der Schlussbesprechung fragte ich Klaus: „Also Dein Erstlingsstück. Schriebest Du es auch heute noch so?“ Die spontane Antwort war: „Nein“. „Wie sonst?“ fragte danach niemand. Vielleicht mit der Überführung der Zuschauer, die alles erklärt haben wollen und nichts als absurd im Raum stehen lassen können. Vielleicht oder auch nicht.                     e.s.