25.08.2017Sommertheater 2017

SOMMERTHEATER IN TIROL


Immer wenn ich über ein Stück schreiben soll, deren Beteiligte ich kenne, schätze, mäßig finde, stellt sich mir die Frage, wie objektiv ich das hinbekomme. Natürlich schwingt da eine besondere Vorliebe oder Abneigung oder Wurschtigkeit mit, aber mit ein bisschen Einfühlungsvermögen, Respekt und handwerklichem Wissen lässt sich dann doch ein Text zusammenstellen, der für alle zugänglich ist. Bestenfalls entsteht ein Bild, auf dessen Basis man einschätzen kann, ob frau oder man sich diesen Abend anschauen will.

Neben der Stückauswahl sind für mich hier die Initiative (Verein), die Regie und die Darsteller*innen die zu besprechenden Qualitätskriterien. Ausgewählt habe ich diese drei Produktionen, weil sie eine reine Laienproduktion (Oberhofen), eine Mischproduktion (Hall) und eine reine Profiproduktion (Telfs) repräsentieren.

Da wäre zuallererst einmal die Initiative zu erwähnen, die erst eine Theaterproduktion möglich macht und natürlich verantwortlich dafür ist, welche Qualität vorherrscht. Ist es also notwendig, eine Produktion, welche mit horrend viel Geld ausgestattet ist, genauer unter die Lupe zu nehmen, als eine low-budget Initiative? Nicht unbedingt. Man kann auch mit viel Geld gutes Theater machen. Was allerdings für Missstimmung sorgt, ist, wenn damit eine Pseudo-Qualität erkauft wird, weil entweder die Kreativität nicht reicht oder einfach nur Bequemlichkeit Einzug hält auf den Brettern, die bekanntlich die Welt bedeuten.
Lassen wir das einmal dahingestellt, denn über Verteilungsgerechtigkeit wird nicht nur in der darstellenden Kunst vergeblich und seit jeher gestritten.

Kommen wir zur Regie. 
Es ist ja im Lande üblich, dass sich viele Sommertheater Regisseure leisten, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen und somit Profi-Regisseure genannt werden. Ob sie diesen Namen und nicht nur ihren Lebensunterhalt verdienen, ist sicher ein Qualitätskriterium, das den Unterschied ausmacht. Denn ein guter Regisseur/eine gute Regisseurin (die viel zu wenig in Erscheinung treten) sind in der Tat in der Lage, einen entscheidenden Qualitätssprung zu inszenieren. Entweder gelingt es ihnen ein Stück, ob gut oder schlecht, in einen entsprechend anregenden Bogen zu bringen oder sie schaffen es, ihr Ensemble (hauptsächlich Laiendarsteller*innen) zu ungeahnten Höhen zu puschen. Im besten Fall beides. Natürlich gilt das auch für Regisseur*innen, welche nicht ihren Lebensunterhalt mit Inszenieren verdienen, nur sind diese mittlerweile eher selten geworden. Hier könnte man durchaus etwas mehr Mut zeigen.

Jetzt wären wir bei den Darstellen*innen angelangt. 
Die ewige Leier: Profis – Laien und deren unausgesprochene, aber ständig präsente Konkurrenz. Natürlich gibt es im Großen den Unterschied, sonst wäre diese Berufsgruppe obsolet und deren Ausbildung ein Witz. Genauso natürlich gibt es Laien, welche mit Leichtigkeit in jeder Profi-Produktion mitspielen können. Am ehesten wird über`s Bühnendeutsch gestolpert, was aber eine handwerkliche Geschichte ist und jederzeit ausgebildet werden kann. Im Volkstheater allerdings wird es eng mit der Unterscheidung.
Wie auch immer. 
Die Entscheidung darüber fällt ohnehin das Publikum!!!!! Ist es ihm wichtig, dass jeder Satz sitzt oder lieben sie einfach nur die Identifikation, welche bei Laiendarsteller*innen im Volkstheater eben auch deswegen gegeben ist, weil da oben einer/eine von ihnen steht und sich traut oder bewundern sie die Schauspieler*innen, weil sie das Gefühl haben einer Kunst beizuwohnen, die sie selber nicht hinbekommen und da reden wir bitte nicht nur von den Textmengen, die man lernen muss!!!

Was sollte also Sommertheater auf Tirols Bühnen können, schließlich rittern einige Initiativen nicht nur künstlerisch, sondern auch wirtschaftlich um ihr Überleben. Ist der Zuschauerstrom ein Indikator? Eine gefährliche Sache. Die Anbiederung an die Komödie ist deutlich zu spüren. Interessante, unübliche Stücke, vielleicht sogar Uraufführungen haben es da schon schwerer. Auch das ein Faktor, den man unbedingt besprechen und würdigen muss und bei dem man schon mal ein Auge zudrücken darf oder aber hymnisch loslegen kann, wenn es aufgeht!

Es sei noch angemerkt, dass ich hier auch einfach keine Lust habe, Inhaltsangaben der Stücke zu schreiben. Das kann man ganz leicht nachlesen. Bei Uraufführungen finde ich das bedeutsam, seid mir bitte nicht böse. Zeigt Eigeninitiative und lest Folgendes. Vielleicht stachelt euch das an, die Stücke dann selber ganz zu lesen.

 

„Der tollste Tag“ nach Peter Turrini
Haller Gassenspiele 2017
„Hamlet ist tot


Bei den Haller Gassenspielen tue ich mir immer leicht! Da kann ich mich schon darauf freuen, fast wie auf eine neue Staffel von Game of Thrones.

Die Initiative:
Ich kenne die Haller Gassenspiele seit ihrem Entstehungsjahr und weiß um die existentiellen Schwierigkeiten der Anfangsjahre. Mittlerweile hat sich der beeindruckende Erfolg herumgesprochen und 2.500-3000 Zuschauer*innen pro Sommer (eine fast 100% Auslastung, je nach Wetter) gehören ordentlich gefördert. Momentan beträgt die Eigenfinanzierung erstaunliche 75% und das bei ständig wechselnden Spielorten ohne Infrastruktur! Ohne einem funktionierenden, großteils ehrenamtlichen Ensemble auf und hinter der Bühne und ohne Bereitschaft zum Risiko gäbe es dieses Sommertheater nicht. 

Die Regie:
Die Handschrift ist eindeutig dem Multitalent Alexander Sackl zuzuschreiben. Das Alleinstellungsmerkmal ist neben der darstellerischen auch die musikalische Qualität, für die Sackl verantwortlich zeichnet. Die Regie ist behutsam, unterhaltsam und im Detail auch liebevoll und bitterböse gleichzeitig. Die Schauspieler*innenführung präzise und für ein Profi-Laien-Mischensemble äußerst homogen. Es gelingt ihm, ziemlich uneitel zu führen und die Darsteller*innen ins Rampenlicht zu stellen. Die danken es ihm. Wer sich unterhalten will, kann das bis zur Neige tun. Wer sich darüberhinaus über einige Themen Gedanken machen will, ist herzlich eingeladen. Kein moralinsaurer Gegenwartsbezug trübt das ohnehin gebeutelte mitteleuropäische Wohlstandsseelchen, sondern es wirkt die zugegebenerweise manchmal altbacken formulierte, aber trotzdem zeitlose  Kritik an der demokratischen Gewaltenteilung unserer Gesellschaftsordnung (richten wir unseren Blick z. B. aktuell nach Polen). Die musikalische Führung ist beeindruckend und braucht wenig Vergleiche zu scheuen. Die Funktion und die Ausführung der Musik dienen der Unterstützung der Figuren sowie der Handlung, ohne dass man sich wie sooft frägt, warum singen die jetzt!?

Darstellung:
Das Ensemble ist zusammengesetzt aus großartigen Laiendarsteller*innen und Profidarsteller*innen der Umgebung. Sprachlich kompakt, musikalisch top und spielerisch so freudig, dass mir wirklich der Frust kommt, was ich denn da schlecht machen könnte, damit nicht der Verdacht entsteht, ich bin unzurechnungsfähig oder der Sommerspritzereuphorie anheim gefallen.
Nicht zu vergessen die immer am Punkt sitzenden Kostüme, die in Anbetracht des Budgets wie hergezaubert wirken.
Beim Bühnenbild hatte ich diesmal das Gefühl, dass es dem Ensemble nicht dienlich sein soll, sondern es wachsam herausfordert, damit sich da ja keine Routine einschleicht. Vielleicht war es auch ein mit Styroporkern getarnter Hinweis, dass auch mit größtmöglichem Idealismus irgendwo gespart werden muss! Liebe öffentliche Geldgeber - im Sinne der Sicherheit dieses großartigen Ensembles – lasst sie nicht mehr am Bühnenbild sparen! 

Es sei festgehalten, dass die Haller Gassenspiele seit Jahren die Stadt Hall oben, unten, innen, außen und weiß Gott wo bespielen, mit größtmöglichem Erfolg!
Und das zu Recht!!! 
Mit „Der tollste Tag“ ist es ihnen wieder einmal gelungen, dass ich nicht nur einen wundersamen Sommertheaterabend verlebt habe, sondern mich schon auf`s nächste Jahr freuen kann!

 

„Spiel´s nochmal Sam“
Woody Allen
Theatergruppe Oberhofen

Es scheint diese Region um Telfs ein fruchtbarer Boden für Theater, speziell Sommertheater zu sein. Im Folgenden nehme ich mir die Freiheit euch eine Produktion aus Oberhofen und eine jenseits des Inns, enterwasser, aus Telfs ans Herz zu legen.
Beginnen wir am Reasnhof in Oberhofen, der traditionelle Spielort, der ein liebevolles Theater-Kleinod ist, großzügig gehegt und gepflegt von Hermann und Martha Föger.

Die Initiative:
Hier herrscht seit einiger Zeit ein frischer Wind. Ein abwechslungsreicher Spielplan, ein hoch engagiertes, talentiertes Ensemble auf und hinter der Bühne und ein offener Zugang auch zu schwierigen Regieansätzen. Hier funktionieren Dinge nachhaltig, weil eben viele Leute am gleichen Strang ziehen. Diesen Sommer ging das Führungsteam sogar soweit, Woody Allens Komödie  „Spiel´s nochmal Sam“ der Regie von Markus Plattner anzuvertrauen.
Die Sommerproduktionen im Theaterstadl am Reasnhof haben eine Gesamtkapazität von 1500 Zuseher*innen, die auch größtenteils ausgeschöpft wird. Bis auf eine kleine Subvention seitens der Gemeinde und zwei Privatsponsoren kommt die Truppe mit den Einnahmen aus dem Kartenverkauf über die Runden.


Die Regie:
Man kennt Markus Plattner landauf landab als fulminanten Bilderzauberer mit opulentem Musikgeschmack und stromgeladener Schauspieler*innenführung, vorwiegend tiefschürfend, figurenseelensezierend und dem Humor auf der Bühne ein klein wenig abschätzend skeptisch gegenüberstehend. Eine interessante Idee diesem Regisseur eine Komödie des intellektuell  schwatzenden Großstadtneurotikers Allen zu übertragen. 
Dieses Experiment war wirklich mutig und wartet im Detail mit hochinteressanten und völlig quer gedachten Feinheiten auf.
Es gehört viel Erfahrung dazu, mit einem Bi-Händer Schwert in einem Stück herumzuwuchten, für welches beinahe die feine Klinge eines Floretts wie eine Bedrohung wirkt. Es könnte dem Text die Dynamik rauben, die die lose Zunge Woody Allens so unbedingt braucht, damit die analytisch-durchtherapierte, jüdische Selbstironiehumorkaskade nicht wie eine Blut und Boden Depression daherkommt, die das Publikum in die Sitze lähmt. Nach diesem inszenierten furchenziehenden Beziehungsdesasteransatz fällt es selbst einem „Es muss nicht immer eine Komödie sein“ affinen Typen wie mir nicht leicht, das feuchtfröhliche Stelldichein an der Bar danach ohne Diskussionen zu genießen. Und das bei einer Komödie. Will man doch im Sommer flapsig an der Oberfläche über das Gesehene parlieren, ohne sich große Gedanken zu machen. Oder?

Plattner hat es geschafft, einen Theaterabend zu erfinden, der in Erinnerung bleibt. Er nimmt dieses Stück und kümmert sich einfach nicht um den Text! Er treibt ihm die Ironie aus und in einigen Szenen geht das voll auf. Es wird versifft, abgründig, lächerlich, berührend. Da werden Schichten von Figuren sichtbar, die Allen befließendlich vermeidet, zu zeigen. Trotz des Schnatterns der Wörter entblößen sich die Figuren. Ich jedenfalls war überrascht, was man mit so einem Stück alles anstellen kann! Aber wie gesagt. Will man das sehen, wenn Woody Allen auf dem Spielplan steht?
Ich denke trotzdem, dass das ein hochinteressanter Abend war. 
Ich finde es wichtig, dass sich Regisseure und Regisseurinnen eine Handschrift erarbeiten, ihr treu bleiben und auch einmal etwas wagen. Das Ergebnis kann man mögen oder nicht. An diesem Abend hatte ich beides und das ist doch toll!

Darstellung:
Ein kompaktes Ensemble wie das der Theatergruppe Oberhofen, die noch dazu Plattner erfahren ist, zieht das Ding schon durch. Sie folgen der Regie und das ist natürlich auch ein Talent des Regisseurs. Mit zweifelnden, nörgelnden und schlussendlich verunsicherten Darsteller*innen kann so ein Experiment schnell in die Hosen gehen. In Oberhofen vertrauen sie und tun! 
Ein Regisseur-Schlaraffenland! Denn wenn sie tun, tun sie es richtig gut. Neben den bewährten, sehr flexiblen Protagonisten und Protagonistinnen waren noch dazu einige Neulinge zu sehen, die die Truppe noch breiter und variabler machen. 

Abschließend sei zu vermelden, dass da neben Telfs eine Truppe am Werk ist, die nicht viel auf Eitelkeit hält, die nicht vergleicht, die ein ideologiefreies, zeitgenössisches Volkstheater pflegt und somit immer einen Besuch wert ist.

 

Kommen wir nun zum Flaggschiff des Tiroler Volksschauspiels. Hochprofessionell, hochsubventioniert und dadurch unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck, gibt es doch im ganzen Land Sommertheater auf beeindruckenden Bühnen mit erheblichen Aufwand und einem Bruchteil des öffentlichen Geldes. Was machen sie heuer daraus? Ein Beispiel:

„Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft.“
Ewald Palmetshofer
Tiroler Volksschausspiele Telfs

Ich hätte mir auch den „Brandner Kasper“ anschauen können, eine sichere Bank, noch dazu bei der Besetzung und dem Punch der Volksschauspiele im Hintergrund. Meine Wahl fiel auf die kleinere, wagemutigere Produktion im Telfser Rathaussaal, der für sich schon eine Herausforderung darstellt, in Stimmung zu kommen. 

Die Initiative
Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen für gut subventioniertes Profitheater. An diesem Abend kann man schön sehen, was Ausbildung, jahrelange Spielpraxis und die Talentselektion im Profitheaterbetrieb hervorbringen kann. Was das mit Volkstheater zu tun hat, sei dahingestellt, aber diese Diskussion ist eine andere. Beim Gasthof zur Eiche sucht man ja auch verzweifelt das dazugehörige Gewächs. Eine Marke eben!
Es ist natürlich auch anstrengend als Flaggschiff, noch dazu bei immer knapper werdenden Ressourcen und einer größer werdenden Konkurrenz, den Status zu halten. Mit der Palmetshofer-Produktion ist es ihnen gelungen. Man hat Risiko genommen und einen Qualitätserfolg eingefahren. Dass der Rathaussaal nicht immer ausverkauft war, liegt in der Natur der Stückwahl und rechtfertigt Subventionen!

Die Regie
Dank Susi Weber kann man über 90 Minuten ausschließlich dem Text zuhören. Sie verzichtet auf fahriges Trara, begnügt sich mit einem minimalen Bühnenbild (Luis Graninger mit feinster Klinge) und lässt ein sorgfältig ausgewähltes Ensemble ihren Job machen. Die beste Regie ist die, die man nicht wahrnimmt. Besser geht es nicht!

Darstellung
Alles alte Haudegen, die sich dem Regiekonzept unterordnen, die sich in ihrem Gestaltungsspielraum ausbreiten, die seitenlange Monologe souverän in Bildern aufsteigen lassen und die die Geschichte zusammen in scharf gezeichneten Figuren spielen.
Selbst durch einen bratwurstfressenden, colasaufenden, handyspielenden Vollignorantenzuschauer ließen sie sich nicht aus der Ruhe bringen – zumindest nicht auf der Bühne.

Diese Produktion hätte sich mehr Zuschauer*innen verdient! Allein schon um Theaterqualität beiwohnen zu können, neue Impulse und Gedanken mit nach Hause zu nehmen und um einmal wieder herzhaft lachen zu können. Hinter diesen abgebrochenen Sätzen sitzt ein tief- und abgründiger Humor, den ich in diesem Sommer und in vielen Sommern davor noch nicht erlebt habe.

Nicht nur den Theatern sollte man Mut machen, sich aus dem ewig GLEICHEN, mehr oder weniger ausgelutschten Sommerkomödiendiktat zu verabschieden, sondern auch dem Publikum.
Ihr wäret mit ein wenig Offenheit hier sicher auf eure Kosten gekommen!

So das war`s für diesen Sommer, bis bald!
Euer
Thomas Gassner