26.08.2017Wir Wütenden

Zwei Stücke, „Wege mit dir“ (in Prutz) und „Wir Wütenden“ (Nora Mannsmann) in Schwaz waren in den letzten Monaten zwei zeitgeistige Produktionen zum Thema „Demenz“ und darüber hinaus  Produktionen gesellschaftsanalytischer Art am Beispiel eines  Krankheitsbildes, an dem wie aller zunehmen leiden, am Verlust an sprachlicher Erfassung unserer Wirklichkeit. Wir haben, so wie der Kranke in „Wir Wütenden" alle unsere Wortfindungsstörungen. Wir vermögen immer weniger zu unterscheiden, was wahr ist und was fake News sind. Wir leben im Zustand einer babylonischen Verwirrung der Worte. Wir verlieren am Orientierungsvermögen unserer Erfahrungen und Erinnerungern. Wir versuchen in Worte zu fassen, wie uns fake News Wirklichkeiten vorgaukeln, die unfassbar bleiben. 

Die Krankheit der „Demenz“, des Verlustes einordenbarer Erinnerung hat uns alle erfasst, die Erkenntnis ist das Erschreckende hinter der Analyse des Krankheitsbildes, das in „Wir Wütenden“ auf der Bühne des Lendbräu zu sehen war. Da entgleitet einem Sohn die Auseinandersetzung mit seinem Vater, weil der sich an nichts mehr erinnern kann. Da entschwindet einer Ehefrau der Mann im Leerraum einer einst erfüllten Vergangenheit, wobei sie entdeckt, dass sie nie erfüllt war. Und er selbst, der Vater? Er ringt um Worte des Begreifens seiner ins Nichts entgleitenden Welt.

„Die Wirklichkeit franst aus. Aber „das Hirn arbeitet weiter und denkt und denkt und denkt und kommt nicht an - kommt nirgendwo mehr an. Was ist wirklich, wenn nur mehr der Augenblick zählt? Wie lässt sich in den Fußstapfen von jemandem gehen, der seine Geschichte verloren hat und dessen Gesicht leer zu sein scheint? Blitzt da nicht doch irgendwann etwas auf, das nicht verloren geht? Ist das vergebliche Hoffnung?“

„Wege mit dir  aus Prutz“ und „Wir Wütenden aus Schwaz“,  treffen den Nerv, den Theater treffen muss, wenn es den Anspruch erhebt, mehr als Zerstreuung und Unterhaltung zu bieten.  „Wege mit dir“  war die zentrale Produktion der TNT (TheaterNetz) Landesspieltage in Prutz und  mit „Wir Wütenden“ schickte das Lendbräu  Schwaz sein Publikum in die Sommerpause zum Nachdenken über den Verlust unserer Erinnerungsfähigkeit. (e.s.)

 Prutz: Winkl Prutz | Schauspiel in 3 Akten von Daniel Call: Anna und Kaspar treffen sich auf einer dubiosen Dichterlesung. Sie, Anna, kann ihn zunächst nicht ausstehen. Schließlich verliebt sie sich doch unsterblich in ihn. Er, Kaspar, ein schlagfertiger Querdenker, ist es gewohnt, Pointe an Pointe zu reihen. Doch dann die Diagnose: Alzheimer. Ein berührender Kampf um seine Erinnerung beginnt... Ein humorvolles tragikomisches Stück - ein überwältigendes Plädoyer für die Liebe.

Schleichend verschwindet er. Der Verstand. Und mit ihm die Persönlichkeit und die Erinnerung des Menschen. Des schwierigen Themas Demenz hat sich die 27 Jahre junge Regisseurin Madeleine Weiler künstlerisch angenommen, und dazu keine leichte Kost als Vorlage gewählt: wir wütenden von Nora Mansmann. (…) Dramatisch, komisch sowie mit viel Fingerspitzengefühl werden dem Zuschauer die tragischen Facetten der Demenz vor Augen geführt. Ein sehenswertes Stück…

 

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